Das Stück VERSCHWUNDEN des britischen Autors Charles Way in der Regie von Sascha Bunge erzählt die Geschichte einer Scheinentführung – ausgedacht und initiiert von der Stiefmutter unter Duldung des leiblichen Vaters.

Angesiedelt ist das Stück im Milieu derjenigen, die gemeinhin als gesellschaftliche Verlierer und zugleich als Bedrohung angesehen werden. Als Belastung für die Gemeinschaft und den Staat. Dabei beruht die Geschichte auf einem authentischen Fall, der sich 2008 in England ereignete. Charles Way verknüpft den authentischen Fall mit Motiven des Märchens Hänsel und Gretel der Gebrüder Grimm. Damit erfährt das Erzählte eine Verfremdung und behauptet dadurch keine “film-realistische” Wirklichkeit. Vielmehr ist das Erzählte ein Modell – im Sinne von Anschaulichkeit – über einen Ausschnitt von Wirklichkeit.

VERSCHWUNDEN ist kein Themenstück. Zumindest nicht in dem Sinne, dass darin offen und direkt ein Thema zur Sprache, zur Darstellung oder zur Verhandlung kommt. Vielmehr ist es so, dass unterschiedliche Dimensionen eines Themas mitschwingen. In VERSCHWUNDEN – darin einem sozial-kritischen Krimi nicht unähnlich – wird die Geschichte der Scheinentführung aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, die
zunächst offen lässt, wer darin welche Rolle spielt. Es werden Figuren gezeigt, die jede für sich nachvollziehbare Motive für ihr Handeln hat. Ein Handeln allerdings, das in der Summe die Existenz einer Familie, das Zusammenleben in ihr, unmöglich macht. Es spielen Aspekte von sozialer und materieller Armut eine Rolle, von Arbeitslosigkeit, von emotionaler Armut und Verwahrlosung. Dennoch ist Armut nicht das Thema des Stücks. Genau darin liegt eine Stärke von Text und Inszenierung, denn dieser Umstand hilft, eine wohltuende Distanz zu bewahren. Diese Distanz erlaubt es, nach dem Besuch einer Vorstellung über die verschiedenen Facetten und Aspekte zu reden, über eigene Annahmen eines jeden Einzelnen zu den materiellen und sozialen Unterschieden in unserer Gesellschaft.

Serviceinfo

Termin: Di, 08.05. um 18 Uhr und Mi, 09.05.2012 um 10 Uhr (für Kinder ab 13 Jahren)
Ort: Theater an der Parkaue, Parkaue 29, 10367 Berlin
Preis: 12/ erm. 9 Euro

Bild: (c) Christian Brachwitz