Springreiter-Team bei Reit-WM in Aachen auf dem Weg zu Gold

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Richard Vogel reiste mit hohen individuellen Erwartungen zur Springreiter‑WM nach Aachen — doch nach dem ersten Umlauf steht für ihn eines klar im Vordergrund: jeder Sprung zählt jetzt für das deutsche Team. Am Freitagabend fällt unter Flutlicht die Entscheidung um Gold, und Vogel richtet seine ganze Energie auf die Mannschaftsmedaille.

Musik, Teamgeist und ein ganz anderer Fokus

Privat würde Vogel lieber leise Trombone hören als Stadionmarschmusik: Der 29‑Jährige spielte einst im hessischen Musikverein Zugposaune und nennt den Konzertmarsch „Die Sonne geht auf“ als Lieblingsstück. Öffentlich ist das allerdings kein Thema. Für die Fahrten zwischen Hotel und Stadion hat Bundestrainer Otto Becker eine gemeinsame Playlist erstellt, und dort dominiert ein anderer Ton: Becker wählte Andreas Bouranis „Ein Hoch auf uns“ als passenden Song für die Tage der WM.

Junger Posaunist mit Posaune in einem Probelokal
Vogel spielte früher Zugposaune im Musikverein.

Vogel findet sich in genau diesem Mannschaftsgefühl wieder. Zusammen mit Sophie Hinners (Singclair), Marcus Ehning (Coolio) und Daniel Deußer (Otello) steht die deutsche Equipe nach dem Zeitspringen und dem ersten Umlauf in Führung. Deußer sagte nach dem Wettbewerb offen: „Ich bin sehr erleichtert, es war sehr wichtig, dass wir in Führung liegend ins Finale gehen.“ Das Finale beginnt am Freitagabend um 20.15 Uhr und wird im WDR übertragen.

Das Ziel: Team‑Gold unter Flutlicht

Mit Platz eins im Rücken trat Vogel am Sonntag unbeschwert erneut in den Sattel. Für ihn ist die Situation zugleich Herausforderung und Verpflichtung: „Es ist ein Privileg, dass so viele Erwartungen an uns gestellt werden“, sagte er. Er sieht deshalb nur ein Ziel: die Goldmedaille.

Die Chance dafür ist real: Würden Sophie Hinners, Marcus Ehning und Daniel Deußer jeweils eine fehlerfreie Runde zeigen, bedeutete das für Deutschland das vierte Team‑WM‑Gold nach 1994, 1998 und 2010. Vogel selbst hatte im Zeitspringen Pech: Sein bronzefelliger Hengst United Touch verursachte einen Fehler, der die individuellen Ambitionen des Reiters dämpfte. „Ein Reitfehler, das Pferd kann absolut gar nichts dafür“, sagte Vogel nach dem Zwischenfall.

Seine Hoffnung auf den Einzeltitel sei dadurch «doch sehr geschrumpft», räumte er ein. Dennoch bleibt er optimistisch: „Ich bin mit guten Nerven geboren worden – und United Touch hat das Zeug, hier ganz vorn zu stehen.“ Ab jetzt gelte das Motto: Solo fürs Team.

United Touch: Ein Pferd mit besonderer Abstammung

United Touch ist kein gewöhnliches Sportpferd. Mit 14 Jahren zählt der Hengst zu den Ausnahmerössern im Parcours. Besitzermäßig steht Julius‑Peter Sinnack hinter dem Fahrzeug: Der Unternehmer hat die Zucht bewusst auf enge Blutführung gesetzt. In United Touchs Stammbaum taucht die Linie Classic Touch gleich zweimal auf: Vater (Untouched) und Mutter (Touch of Class) sind Enkelinnen jener Holsteiner Stute, mit der Ludger Beerbaum 1992 in Barcelona Olympiagold gewann. Sinnacks Zuchtkonzept hat sich damit offenbar bewährt.

Springhengst im Profil, Nahaufnahme des Kopfes und der Mähne
United Touch, der 14‑jährige Hengst mit herausragender Abstammung.

Bevor United Touch 2022 nach Pfungstadt kam, erhielt er seine Ausbildung unter Willem Greve. In Pfungstadt gehört er zu dem Stall, den Vogel gemeinsam mit der inzwischen von ihm getrennten Lebensgefährtin Sophie Hinners und David Will betreibt.

Charakter, Kraft und Lernkurven

Vogel beschreibt United Touch als explosives Paket: viel Springvermögen und ein kräftiger Galopp. „Es war sehr viel Pferd“, sagte er und erklärte, dass gerade dieses Temperament anfangs eine Herausforderung darstellte. Sophie Hinners, die ursprünglich als Reiterin für den Hengst vorgesehen war, übergab das Tier an Vogel. Diese Entscheidung ebnete ihm binnen kurzer Zeit den Weg an die Spitze.

Rückschläge gehörten jedoch zur Entwicklung. Bei den Olympischen Spielen in Paris landete Vogel auf Rang 55 — zwölf Abwurfpunkte hatten den Ausschlag gegeben. Solche Niederlagen bezeichnet er als Lehrmeister. Vogel verließ die Schule ein Jahr vor dem Abitur, ließ sich zum Reitlehrer ausbilden und arbeitete anschließend im Betrieb von Ludger Beerbaum. Heute betreut und trainiert sein Team mehr als hundert Pferde.

Über United Touch sagt Vogel eindrücklich: „So ein Pferd werden wir nie wieder im Stall haben.“ Der Hengst liefere auf nahezu jede Frage eine Antwort. Wie diese Antworten in den entscheidenden Runden von Aachen ausfallen, wird sich am Freitag während des Finales unter den Lichtern der Soers zeigen.

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