Drei Gesichter: Architekt, Mitläufer, Utopist

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Die Berlinische Galerie widmet dem weitgehend vergessenen DDR-Architekten Josef Kaiser eine Ausstellung und beleuchtet damit ein Werk, das zwischen stilistischer Moderne, staatsarchitektonischem Opportunismus und utopischen Großideen schwankt. Gezeigt werden rund 60 Zeichnungen, Modelle, Fotos und Filme, die sowohl seine stadtbildprägenden Bauten als auch seine belastete Vergangenheit dokumentieren.

Vom Sänger zur stadtprägenden Figur

Josef Kaiser, geboren 1910 und 1991 nach einem Autounfall gestorben, ist in Berlin noch durch zahlreiche markante Gebäude präsent: etwa das Kino International, das Kino Kosmos, die Mokka‑Milch‑Eisbar und das Café Moskau an der Karl‑Marx‑Allee. Viele Berliner kennen die Orte – den Namen des Entwerfers jedoch nur wenige.

Modernistische Gebäude an der Karl-Marx-Allee in Berlin bei Nacht mit beleuchteter Architektur
Kaisers stadtbildprägende Bauten wie das Kino International prägen Berlins Stadtbild bis heute.

Bevor Kaiser als einer der meistbeschäftigten Architekten der DDR wirkte, hatte er eine Phase als Opernsänger. Sein Architekturstudium schloss er bis 1935 ab. In den Nachkriegsjahren führte sein Lebensweg zwischen Bühnenauftritten und Planungsämtern hin und her.

Zwischen Ost und West

Kaiser arbeitete nicht ausschließlich in der DDR. 1957 entwarf er ein Wohnhaus im Hansaviertel für die Familie Hoffmann‑Axthelm – ein Projekt, das zur Internationalen Bauausstellung (IBA) gehörte und heute als Modell in der Schau zu sehen ist. Damit zählt er zu den wenigen Architekten, die an herausgehobenen Bauvorhaben diesseits und jenseits der innerstädtischen Grenze beteiligt waren; eine Art Grenzgänger in schwierigen Zeiten.

Kuratorin Ursula Müller hebt in der Ausstellung vor allem Kaisers Arbeiten an der Magistrale hervor: Sie nennt das Foyer des Kino International und die angrenzenden Pavillons Beispiele für eine klare städtebauliche Idee, die gerade nachts ihren Charakter zeige.

NS‑Verstrickung und Ambivalenzen

Kaiser war in der NS‑Zeit als Architekt tätig: Er studierte bis 1935 und beteiligte sich danach an Projekten wie der Kreisparteizentrale der NSDAP in Weimar. 1938 trat er der NSDAP bei und arbeitete für die Deutsche Arbeitsfront. Die Ausstellung zeigt Lichtpausen jener Entwürfe.

Dominik Vukoja von der Architektursammlung der Berlinischen Galerie beschreibt Kaiser als „NS‑konform“ im Sinne gängiger Branchenklassifizierungen: Er habe von den Strukturen profitiert, ohne dass der Ausstellung zufolge klare Belege für eine dezidiert antisemitische Haltung vorlägen. Gleichzeitig macht die Schau problematische Baustellen sichtbar: Kaiser war an Planungen für Fertigungshallen in Peenemünde beteiligt und für die Oberschlesischen Hydrierwerke in Blechhammer. Dort, so Vukoja, ist davon auszugehen, dass später Zwangsarbeiter eingesetzt wurden.

Utopische Großprojekte: das Großhügelhaus

Ein zentraler Blickfang der Ausstellung ist ein Modell der Künstlerin Tracey Snelling, das Kaisers visionäres Konzept des Großhügelhauses veranschaulicht. Kaiser entwarf das Gebäude mit dreieckigem Längsschnitt: rund einen Kilometer lang und etwa 100 Meter hoch. Die Idee sah pyramidenartig gestaffelte Wohnungen an den Außenseiten vor, jede Ebene mit Terrassen und direktem Lichteinfall.

Modell eines futuristischen pyramidenförmigen Großhügelhauses mit gestaffelten Wohnungen und integrierten Verkehrswegen
Das Großhügelhaus-Modell zeigt Kaisers visionäres Konzept einer integrierten Wohn- und Arbeitsstadt.

Im Inneren sollten Produktionsflächen und Verkehrswege kombiniert werden. Unterschiedliche Verkehrsträger – Pkw, Straßenbahn, Fahrrad und Fußgänger – waren auf separaten Ebenen gedacht. Für eine geplante Bevölkerung von etwa 20.000 Menschen sollte Wohnen, Arbeiten und Mobilität dicht miteinander verknüpft werden. Gerade dieses integrative Denken aus den 1970er‑Jahren wirkt im Rückblick anregend und diskutabel zugleich.

Die Ausstellung: Fokus und Material

Unter dem Titel „Josef Kaiser – Bauen für die DDR“ versammelt die Berlinische Galerie circa 60 Objekte: Zeichnungen, Modelle, Fotografien und Filmaufnahmen, die das vielschichtige Wirken des Architekten dokumentieren. Kuratorin der Schau ist Ursula Müller, Leiterin der Architektursammlung.

Praktische Informationen

Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg. Öffnungszeiten: Mi–Mo 10–18 Uhr. Eintritt: 12 / 7 €. Erster Mittwoch im Monat: alle 7 €. Jugendliche bis 18 Jahre und Geflüchtete frei. Laufzeit der Ausstellung: Fr 28.8.2026–Mo 1.2.2027. Eröffnung: Do 27.8., 19 Uhr.

Die Schau bietet damit nicht nur die Möglichkeit, bekannte Berliner Orte in neuem Licht zu sehen, sondern macht auch die Widersprüche eines öffentlichen Gestalters sichtbar: visionäre Entwürfe einerseits, problematische Verstrickungen andererseits.

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