Kann ein Zeckenstich eine lebensbedrohliche Fleischallergie auslösen?

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Ein einziger Zeckenstich kann seltene, aber schwere Folgen haben: Menschen entwickeln nach dem Biss eine Allergie gegen rotes Fleisch. Das sogenannte Alpha-Gal-Syndrom breitet sich weltweit aus und wird inzwischen nicht mehr nur in Australien und den USA registriert.

Wie ein winziges Molekül den Körper umprogrammiert

Auslöser ist ein Zuckerbaustein mit dem Namen Galaktose-alpha-1,3-Galaktose, kurz Alpha-Gal. Er kommt in vielen Säugetierarten vor, nicht jedoch beim Menschen. Gelingt es Zecken, den Stoff beim Blutsaugen in den Körper zu übertragen, kann das Immunsystem Antikörper gegen Alpha-Gal bilden.

Später reagiert der Körper dann auf gewöhnliche Lebensmittel: Rind-, Schweine- oder Lammfleisch können Juckreiz, Nesselsucht und Atemnot verursachen – in schweren Fällen einen anaphylaktischen Schock. Auch Milchprodukte, Gelatine und manche Medikamente, die Alpha-Gal-Anteile enthalten, können Symptome auslösen.

Australien: ein regionaler Brennpunkt

Die Verbindung zwischen Zeckenstichen und der Fleischallergie beschrieb die Allergologin Sheryl van Nunen aus Sydney bereits 2007. Sie fand heraus, dass etwa die Hälfte der Patienten nach zwei Zeckenstichen Antikörper gegen Alpha-Gal ausbilden. Bei 15 bis 20 Prozent dieser Personen entwickelt sich demnach später tatsächlich eine klinisch relevante Allergie.

Besonders viele Fälle werden in den Northern Beaches nördlich von Sydney registriert. Laut Berichten der BBC liegen die Fallzahlen dort in einigen Gebieten bei mehr als 700 Betroffenen pro 100.000 Einwohner. Van Nunen wird zitiert: „Wenn die Leute nur wüssten, was eine Zecke anrichten kann.“

Warum die Zahlen steigen

Forscher führen den Anstieg auf mehrere Faktoren zurück. Zum einen leben immer mehr Menschen in Gebieten mit hoher Zeckendichte. Zum anderen begünstigten sehr niederschlagsreiche Jahre zwischen 2020 und 2023 die Vermehrung der Spinnentiere.

Die BBC berichtet, dass die registrierten Fälle seit 2020 jährlich um rund 22 Prozent zunehmen. Der Zeckenexperte Alex Gofton schätzt landesweit mehr als 5.000 Verdachtsfälle – die tatsächliche Zahl dürfte wegen Dunkelziffern deutlich höher sein.

Auch tödliche Verläufe wurden dokumentiert

Wie schwerwiegend die Reaktion sein kann, zeigte ein Fall aus dem Jahr 2022: Der 16-jährige Jeremy Webb starb nach Atembeschwerden, nachdem er Rindswurst gegessen hatte. Der Gerichtsmediziner stellte fest, dass ein Asthmaanfall in Verbindung mit der durch einen Zeckenstich erworbenen Fleischallergie zum Tod führte. Dies gilt als der erste bekannte Todesfall weltweit in Zusammenhang mit dem Alpha-Gal-Syndrom.

Persönliche Erfahrungen: von Alltagsbeschränkungen bis zur Notfallbehandlung

Die Auslandsösterreicherin Daniela Vazille lebt in Sydney und schildert, wie schnell eine Reaktion einsetzen kann. Nach Gartenarbeiten entfernte sie eine nur drei Millimeter große Zecke hinter dem Ohr. Einen Monat später brach nach einem Rindergulasch eine anaphylaktische Reaktion aus. „Ich hatte irgendwie eine Hitze, die aus meinen Ohren und den Händen kam“, sagte sie.

Ärzte bewerteten ihren Zustand als lebensgefährlich; Vazille berichtet, sie sei „einen Schritt vom Herzstillstand entfernt“ gewesen. Seitdem trägt sie mehrere Adrenalin-Autoinjektoren (EpiPens) bei sich und hat ihre Ernährung drastisch umgestellt. Besonders schwer fiel ihr der Verzicht auf Produkte wie Gummibärchen, da Gelatine oft aus Rind oder Schwein stammt.

Situation in Europa und den USA

Lange galt die Allergie vor allem als Problem in Australien und Teilen der USA. Mittlerweile ist klar, dass auch in Mitteleuropa Zecken das Alpha-Gal-Molekül übertragen können – beispielsweise der hier heimische Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus).

Die Barmer Krankenversicherung verweist auf Daten der Europäischen Stiftung für Allergieforschung: Für Deutschland wurden 2019 etwa 100 Fälle dokumentiert. Experten gehen jedoch von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus, zumal in Deutschland, Österreich und der Schweiz keine Meldepflicht besteht.

In den USA schätzt die Gesundheitsbehörde CDC, dass bis zu 450.000 Menschen betroffen sein könnten. Zudem zeigte eine Studie aus dem Jahr 2022, dass 42 Prozent des medizinischen Personals in den USA noch nie von dem Syndrom gehört hatten, was Diagnose und Versorgung erschwert.

Was Betroffene und Ärztinnen wissen sollten

Mediziner gehen davon aus, dass die Allergie bei vielen Patienten drei bis fünf Jahre bestehen bleibt – sofern keine weiteren Zeckenstiche folgen. Wiederholte Stiche können die Immunantwort verstärken und die Allergiedauer verlängern.

Betroffene sollten Fleisch von Säugetieren, Milchprodukte und Gelatine meiden. Dagegen sind Geflügel und Fisch in der Regel unproblematisch, da sie kein Alpha-Gal enthalten. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Vermeidung neuer Zeckenstiche: geeignete Kleidung, Insektenschutzmittel und sorgfältige Kontrolle nach Aufenthalten im Freien sind wichtig.

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