Deutsche Kinderhilfe fordert Aufschub der Legalisierung ritueller Beschneidungen

Deutsche Kinderhilfe fordert Aufschub der Legalisierung ritueller Beschneidungen

Berlin – Am Mittwoch bestärkten die Deutsche Kinderhilfe und ihre Partner in der Berliner Bundespressekonferenz den Appel an die Bundesregierung und den Bundestag, keine voreiligen Schritte im Bezug auf die rituelle Beschneidung von einwilligungsunfähigen Jungen zu ergreifen.

Weil immer mehr Experten die Meinung vertreten, dass Vorhautamputationen einen schwerwiegenden Eingriff in die körperliche Unversehrtheit von Kindern darstellt, tritt die Deutsche Kinderhilfe als unabhängige Kinderrechteorganisation uneingeschränkt für die Wahrung der Kinderrechte ein. Georg Ehrmann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe sagte: “In dieser zweifelsohne belasteten und schwierigen Debatte zeigt sich, ob Kinderrechte nur in Sonntagsreden und an Kindertagen zelebriert werden oder ob die Gesellschaft es mit dem Schutz von Kindern ernst meint.”

Schon am 23. Juli 2012 hatten die Deutschen Kinderhilfe und weitere Verbände beim Deutschen Bundestag eine Petition mit der Nummer 26078 eingereicht. Darin wurde ein zweijähriges Moratorium und die Einrichtung eines Runden Tisches gefordert, um die rituelle Beschneidung nicht vorschnell zu legalisieren. Aktuell soll es jedoch noch keine verbindliche Auskunft über deren Status geben.

Eran Sadeh, Jude, Israeli, Vater und Gründer von Protect the Child erklärte am Mittwoch in der Bundespressekonferenz zu dem Thema religiöse Beschneidungen: „Frau Bundeskanzlerin Merkel, die Bewegung zur Zwangsbeschneidung von Minderjährigen ist eine globale Bewegung. Überall auf der Welt richten Männer, die wie ich durch die Amputation ihrer Vorhaut verletzt sind… ihre Augen auf Sie und auf Deutschland, damit es eine Vorreiterrolle beim Schutz der Menschenrechte von Kindern übernimmt.“

Robust und blutig.

Laut Deutsche Kinderhilfe stellt die Beschneidung aus ärztlicher Sicht einen höchst bedenklichen, gefährlichen und mit Schmerzen verbundenen Eingriff dar. Dr. Ulrich Fegeler, Bundespressesprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte berichtete dazu: „Die rituelle Beschneidung als Körperverletzung zu werten ist somit auch aus ärztlicher Sicht richtig. Sie verändert den Körper des Kindes irreversibel, ohne dass dafür eine medizinische Indikation vorliegt. Der Eingriff, soweit nicht kinderchirurgisch durchgeführt, ist robust und blutig. Er ist mit einer nicht zu vernachlässigenden Komplikationsrate von immerhin 6% belastet. Sofern dieser Eingriff nach mosaischem und nach klassischem muslimischem Ritus traditionell ohne Analgesie durchgeführt wird, ist diese Art der Beschneidung ein mit erheblichen Schmerzen verbundener Eingriff, der damit sogar in die Nähe der schweren Körperverletzung rückt“.

Diese Einschätzung teilt ebenfalls Prof. Dr. Matthias Franz, stellv. Direktor des Klinischen Instituts für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Düsseldorf: „Dieser äußerst schmerzhafte und irreversible Eingriff geht mit bedeutsamen körperlichen, sexuellen und psychischen Schädigungsrisiken einher, über die viele Eltern vor der Beschneidung ihres Sohnes nicht aufgeklärt werden. Es sind Todesfälle beschrieben und nicht selten resultieren lebenslang körperliche Probleme, Ängste oder Einschränkungen der sexuellen Erlebnisfähigkeit. Diese Risiken werden auch heute noch bagatellisiert und klein geredet.”

Nach Aussage von Irmingard Schewe-Gerigk, Vorsitzende von TERRE DES FEMMES geht es der Menschenrechtsorganisation um etwas Grundlegendes: „Die körperliche Unversehrtheit von Kindern ist ein Menschenrecht und muss für alle Kinder gleichermaßen gelten, egal welcher Herkunft, Religion und welchen Geschlechts sie sind. Wir machen uns stark dafür, dass irreversible Eingriffe in die Unversehrtheit von Kindern – mit Ausnahme medizinisch notwendiger Behandlungen – generell verboten werden. Sie dürfen weder mit Religion noch Tradition gerechtfertigt werden. Menschenrechte sind nicht teilbar – auch nicht zwischen Mädchen und Jungen.“