Berliner Wahlergebnisse seit 1990: Ein Überblick

Zusammenfassung zeigen Zusammenfassung verbergen

Am 20. September wählten die Berlinerinnen und Berliner ein neues Abgeordnetenhaus. Ein Blick auf die Bilanz seit der Wiedervereinigung 1990 zeigt beständige Verschiebungen: Einige Trends haben sich gefestigt, andere überraschend verändert den politischen Alltag der Stadt.

Mehr Parteien, knapperes Ergebnisbild

In den frühen 1990er-Jahren dominierten noch Parteien mit Volksparteien-Status. Die CDU erzielte damals Ergebnisse um die 40 Prozent, die SPD punktete häufig bei rund 30 Prozent.

Historische Balkendiagramme zu Parteienanteilen der 1990er Jahre
Parteistärken in den frühen 1990er-Jahren: CDU und SPD dominierten.

Mit der Zeit rücken die Ergebnisse dichter zusammen. Die Grünen und die Linke holten Stimmen, und neue Kräfte wie die Piratenpartei (2011) oder die AfD (2016) gewannen erstmals Sitze. Letztere konnten sich dauerhaft etablieren, erstere blieben ein einmaliges Phänomen.

Bei der jüngsten Wahl wurde die Linke mit 25,7 Prozent der Zweitstimmen erstmals stärkste Kraft. Seit zwei Jahrzehnten hat keine Partei mehr die 30‑Prozent‑Marke überschritten. CDU, AfD, Grüne und SPD zogen ebenfalls ins Parlament ein; ihre Abstände lagen in einem engen Korridor von unter sieben Prozentpunkten.

Ost‑West‑Muster verliert Schärfe

Die frühe Nachwendepolitik zeigte klare regionale Unterschiede: Osten stärkere SPD beziehungsweise PDS‑Wähler, Westen bevorzugt die CDU. Das spiegelte sich jahrzehntelang in den gewonnenen Wahlkreisen.

Eine politische Neuorientierung setzte 2001 ein. Nach dem Debakel um die landeseigene Bank kam es zu vorgezogenen Neuwahlen — und zu einer merklichen Durchmischung der Stadtkarte. Seither blieben die Muster weniger starr.

Die Karten sind heute bunter und fragmentierter. Ein besonderes Beispiel ist der Bergmann‑Kiez in Kreuzberg: Dort sind die Grünen seit 1995 konstant stärkste Kraft. Generell hat die Mitte der Stadt an Bedeutung gewonnen, während Ränder im Westen und Osten teils unterschiedliche Präferenzen zeigen.

Sitzverteilung und Parlament: weniger Dominanz, mehr Fragmentierung

Die veränderten Stimmenanteile haben die Sitzverteilung im Abgeordnetenhaus beeinflusst. Wo früher zwei dominante Fraktionen vorherrschten, sitzen heute mehrere mittlere und kleinere Gruppen.

Das macht klassische Zweier‑Koalitionen seltener und erhöht die Wahrscheinlichkeit komplexerer Bündnisse. Zugleich hat sich die Zahl der Mandate über Reformen verändert: Nach der Wiedervereinigung hatte das Parlament einmal 241 Sitze; elf Jahre später waren es noch 141. Die Wiederholungswahl 2023 führte mit 159 Abgeordneten erneut zu einem vergleichsweise großen Plenum, bedingt durch Überhang‑ und Ausgleichsmandate.

Wahlbeteiligung: Stadttypisch niedrig, 2026 erstmals über 70 Prozent ohne Bundeshilfe

Die Beteiligung an Abgeordnetenhauswahlen lag nach der Wiedervereinigung meist zwischen 58 und 68 Prozent. Höhere Werte traten oft nur auf, wenn gleichzeitig Bundestagswahlen stattfanden.

Grafik zur Wahlbeteiligung in einer Großstadt über Jahre
Wahlbeteiligung in Berlin: 2026 erstmals über 70 Prozent ohne Bundestagswahl.

Im Jahr 2026 wurde erstmals ohne diesen sogenannten Huckepack‑Effekt eine Wahlbeteiligung von über 70 Prozent erreicht. Insgesamt liegt Berlin im bundesweiten Vergleich meist unter den ostdeutschen Flächenländern, aber die Werte entsprechen dem Muster anderer Großstädte wie Bremen oder Hamburg.

Die stille Macht: Nichtwählende verändern die Gewichtung

Nichtwählende haben in Berlin erhebliches politisches Gewicht. Rechnet man Stimmen nicht nur an den Abgebenden, sondern an alle Wahlberechtigten, schrumpfen die Anteile der Parteien deutlich.

Nur bei der Wahl im Dezember 1990 konnten Parteien mehr Stimmen verzeichnen als Nichtwähler. Seither lag der Anteil der Nichtwählenden stets über dem stärksten Parteienanteil. Ein Beispiel aus 2026: Die Linke kam auf 25,7 Prozent der abgegebenen Zweitstimmen — das entspricht aber nur 18,8 Prozent aller Wahlberechtigten. Nichtwähler machten 25,8 Prozent aus.

Schon 2006 zeigte sich dieses Missverhältnis sehr deutlich: Die SPD gewann 30,8 Prozent der abgegebenen Stimmen, aber nur 17,5 Prozent aller Wahlberechtigten hatten damit tatsächlich für sie gestimmt. Hohe Anteile für Parteien, die es nicht ins Parlament schaffen, führen dazu, dass das Abgeordnetenhaus oft nur knapp die Präferenzen der Gesamtbevölkerung abbildet.

Regierungsmehrheiten und ihre Legitimation

Nach der Wahl 2023 bildeten CDU und SPD die Regierung. Am Wahltag erhielten die beiden Parteien zusammen 707.245 Stimmen, das entsprach 46,6 Prozent der abgegebenen Stimmen. Bezogen auf die 2.431.776 Wahlberechtigten von 2023 entsprach das jedoch nur 29,1 Prozent Zustimmung — gemessen an der gesamten Bevölkerung waren es sogar rund 18,4 Prozent.

Für die Wahl 2026 lässt sich vor einer Regierungsbildung noch kein verlässliches Bild der Mehrheit ziehen.

Briefwahl, Frauenanteil und Personalwechsel

Die Briefwahl gewann in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung; bundesweit liegen Spitzenwerte inzwischen deutlich höher als in Berlin. In der Hauptstadt erreichte die Briefwahlbeteiligung 2021 ihren bisherigen Höhepunkt (46,8 Prozent), unter anderem wegen Kontaktbeschränkungen in der Corona‑Zeit. Spitzenwerte aus anderen Ländern lagen 2023 bei 55,1 Prozent (Bayern) oder im März mit 48,1 Prozent in Rheinland‑Pfalz.

Beim Frauenanteil bewegt sich Berlin im Bundesmittelfeld. Seit 1990 schwankt der Anteil der Abgeordneten weiblichen Geschlechts zwischen rund 30 und 40 Prozent. Für das nächste Abgeordnetenhaus wird ein Anteil von etwa 39,9 Prozent erwartet. Zum Vergleich: In der Hamburger Bürgerschaft liegt der Frauenanteil aktuell bei 45,5 Prozent; der bundesweite Durchschnitt der Landesparlamente beträgt 33,2 Prozent.

Personen und Krisen prägten die Stadt

Die politische Führung Berlins hat mehrfach Führungswechsel und Krisen erlebt. Eberhard Diepgen und Walter Momper stehen für die frühen, wechselhaften Jahre; Klaus Wowereit prägte die Stadt nach 2001 und erlebte in seiner Amtszeit einen tiefgreifenden Aufschwung ebenso wie politische Skandale. Michael Müller übernahm in einer Aufräumphase nach Problemen rund um den BER. Franziska Giffey gewann die Wahl 2021, erreichte jedoch nur ein historisch schwaches SPD‑Ergebnis. Kai Wegner wurde im Frühjahr 2023 Regierender Bürgermeister; seine Amtszeit endete nach öffentlichen Diskussionen, und er tritt nicht erneut an.

Geben Sie Ihr Feedback

★★★★★

Seien Sie der Erste, der dieser Beitrag bewertet
oder hinterlassen Sie eine detaillierte Bewertung



stadtmorgen.de ist ein unabhängiges Medium. Unterstützen Sie uns, indem Sie uns zu Ihren Google News Favoriten hinzufügen:

Kommentar posten

Kommentar veröffentlichen