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Frank Castorf bringt Klaus Manns Roman Mephisto auf die Bühne des Berliner Ensembles. Die Inszenierung stellt Karrierismus, Kunst und die Verstrickung in den NS‑Staat in den Mittelpunkt — und rückt zugleich Fragen nach Sexualität und persönlicher Verantwortung in den Vordergrund.
Warum der Roman heute noch auf die Bühne gehört
Castorf hält Geschichte für lehrreich: Nur wer weiß, wie der Faschismus entstand, könne ihn verstehen. Deshalb reizt ihn Klaus Manns Werk. Mephisto erzählt, wie ein begabter Schauspieler vom Salonkritiker zum Liebling nationalsozialistischer Mächte wird — nicht aus Überzeugung, sondern aus blankem Opportunismus.
Die Entstehungsgeschichte des Romans liegt Castorf zufolge in persönlichen Beobachtungen: Den Anstoß soll der Schriftsteller Hermann Kesten gegeben haben. Mann schrieb das Buch 1936 in Amsterdam im Exil. Erst 1956 erschien es in Deutschland im Aufbau‑Verlag in Ostberlin; in der Bundesrepublik blieb es nach einer Klage eines Erben lange verboten. Ein Urteil des Oberlandesgerichts Hamburg von 1966 befand, die Figur des Hendrik Höfgen stelle eine Verunglimpfung Gustaf Gründgens’ dar — und die öffentliche Diskussion sei nicht daran interessiert, „ein falsches Bild“ aus der Sicht eines Emigranten zu erhalten.
Zwei Persönlichkeiten, ein Konflikt
Für Castorf bilden im Roman zwei Biografien den Kern: die des liberalen, antifaschistischen Autors Klaus Mann einerseits und die eines kompromissbereiten Aufsteigers andererseits. In seiner Lesart sind Mann und Gründgens „zwei Seiten einer Medaille“.
Castorf verknüpft diese Gegensätze bewusst auf der Bühne. Er lässt Figuren einander Texte zusprechen, die dem anderen zugeschrieben werden könnten. So will er die historische Dialektik und die gegenseitige Nähe von Bewunderung und Abwehr sichtbar machen.
Sexualität als politischer Faktor
Ein zentrales Thema der Inszenierung ist die Verbindung von Erotik und politischer Haltung. Castorf verweist auf Wilhelm Reichs Analysen und auf Manns eigenen Essay „Homosexualität und Faschismus“. Für ihn beeinflussen Sexualität und Triebverhältnisse das politische Verhalten ebenso wie soziale und ökonomische Faktoren.
Er erinnert an die Haltung prominenter Künstler und Intellektueller jener Zeit: Die Aussage, die dem Schriftsteller Maxim Gorki zugeschrieben wird — „Man rotte alle Homosexuellen aus“ — stieß Mann tiefstapeinernd. Der Mord an Ernst Röhm am 1. Juli 1934 verschärfte die existenziellen Ängste zusätzlich. Vor diesem Hintergrund untersucht Castorf die ambivalente Selbstwahrnehmung von Emigranten wie Mann.
Zur Form: Bühnenkonzept und Besetzung
In Castorfs Inszenierung überlagern sich Biografie und Typus, Nähe und Distanz. Er verändert die Rollenverteilung, um die Brüchigkeit der Figuren zu betonen. Die Hauptfigur Hendrik Höfgen, der Mann als Karrieristen entwirft, wird vom Schauspieler Jens Harzer gespielt.

Castorf lobt Harzers Präzision und die Fähigkeit, starke Momente leise und überzeugend zu gestalten. Er arbeite mit dem Ensemble so, dass Erwartetes gebrochen und Widersprüche sichtbar werden.
Castorfs Standortwechsel und künstlerische Praxis
Der Regisseur, der von 1992 bis 2017 Intendant der Volksbühne war, betont, dass eine Rückkehr dorthin nicht geplant sei. Stattdessen arbeitet er freiberuflich an verschiedenen Häusern in Europa — Warschau, Belgrad, Epidaurus, Paris, Wien und Hamburg nennt er explizit.
Und Castorf ergänzt, er genieße die Wanderjahre. Die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Ensembles und Orten gehöre zu seiner Arbeitsweise.
Termine und Praktisches
Berliner Ensemble, Bertolt‑Brecht‑Platz 1, Mitte. Premiere am Donnerstag, 17.9., 18 Uhr; weitere Vorstellungen am Samstag, 19.9., 18 Uhr, und Sonntag, 20.9., 17 Uhr. Karten kosten laut Angabe zwischen 9 und 74 Euro; Telefon für Auskünfte: 28 40 81 55.











