Zusammenfassung zeigen Zusammenfassung verbergen
Ein alter roter Löschwagen, der keine Brände mehr löscht, sondern Stummfilme zeigt: Tobias Rank reist mit einem umgebauten Feuerwehrfahrzeug durch Deutschland und richtet an jedem Halt für einen Abend ein Freiluftkino ein – begleitet von live gespielter Musik. Im August macht das Wanderkino Station in Berlin.
Wenn Rank mit seinem Wagen anrollt, bleibt kaum jemand unbeteiligt: Fußgänger und andere Einsatzfahrzeuge winken dem Gefährt zu. Der Wagen stammt aus dem Jahr 1969 und war früher bei der Freiwilligen Feuerwehr in Töging am Inn im Einsatz. Heute erreicht das Fahrzeug eine Höchstgeschwindigkeit von rund 78 km/h – für lange Autobahnfahrten ursprünglich nicht gedacht, für Rank aber kein Hindernis.
Wie aus einem Einsatzfahrzeug ein Kino wurde
Der Umbau war laut Rank kein großes Geheimnis: Die einstige Rettungsleiter dient nun als Träger für die Leinwandkonstruktion, auf dem Dach sind Stühle und Lautsprecher gesichert. Im Innenraum finden ein Schlafabteil, eine kleine Küche und die Technik Platz. Wegen der Lautstärke fährt Rank mit Kopfhörern.

Rank, selbst ausgebildeter Musiker, verbindet mit dem Projekt eine historische Tradition: Wanderkinos zogen schon Ende des 19. Jahrhunderts mit Projektoren von Ort zu Ort, und nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte dieses Format eine zweite Blüte. Heute sind mobile Kinos selten, weshalb sein Wagen an vielen Orten Neugierde weckt.
Musik als Herzstück der Vorstellungen
Die Vorführungen beginnen meist kurz nach Einbruch der Dämmerung. Zuschauer bringen Decken mit, an einem improvisierten Kassenstand werden Getränke und Karten verkauft. Hinten im Aufbau steht der 16‑Millimeter‑Projektor, daneben liegen sorgfältig vorbereitete Filmrollen – darunter einige Raritäten, die Rank bei Sammlern im Ausland gefunden hat.

Auf der Bühne steht dann sein E‑Piano. Rank begleitet die Filme live und improvisiert direkt zur Bildhandlung: schnelle, schwungvolle Passagen bei Verfolgungsjagden, leisere, verletzlichere Töne in melancholischen Szenen. Manchmal spielt er allein, oft arbeiten Gastmusiker mit ihm zusammen. In Berlin gehören etwa die Bratschistin Waltraut Elvers regelmäßig zum Ensemble; zu anderen Gelegenheiten ergänzt Sebastian Pank die Besetzung mit Saxofon und Bassklarinette, oder die Violinistin Izabela Kałduńska tritt hinzu.
Programme, Strecken und besondere Orte
Rank legt in den Sommermonaten viele Kilometer zurück: Zwischen 12.000 und 15.000 pro Saison, und für 2026 sind über 100 Vorstellungen im Kalender verzeichnet. Die Einsatzorte reichen von Dorfplätzen über Parks bis hin zu ungewöhnlichen Schauplätzen: Am Ostseestrand wurde der Wagen etwa von Traktoren in den Sand gezogen, in Stahnsdorf lief einmal „Nosferatu“ direkt neben dem Grab des Regisseurs Friedrich Wilhelm Murnau.
Gezeigt werden Klassiker wie Charlie Chaplins „Der Boxer“ oder Buster Keatons „Sherlock, Jr.“, Werke, deren Humor Zuschauer unterschiedlicher Altersgruppen anspricht. Rank beobachtet, dass viele Menschen eine bewusste Rückkehr zum Analogen suchen und die live begleitete Stummfilmvorführung als Gegenentwurf zu digitaler Überreizung wahrnehmen.
Nach einer Vorstellung wird die Leinwand verstaut, Picknickdecken gefaltet und das Fahrzeug für die Weiterfahrt vorbereitet. Rank beschreibt das mobile Leben als einfaches Camping: ein kleines Bett, etwas zu kochen und dann schlafen – oft mit dem Vogelgezwitscher als Wecker.
Termine in Berlin
- Gärten der Welt, Eisenacher Str. 99, Marzahn — Do., 20.8., 21:00, „Menschen ohne Morgen“ (»Ludzie bez jutra«), R: Aleksander Hertz, Preis: 9/4 €
- Holzmarkt 25, Holzmarktstr. 25, Friedrichshain — Mi., 26.8., 20:00, „Bestie“ (»Bestia«), R: Aleksander Hertz












